Hebron – eine geteilte Stadt

Dieser Beitrag wurde von Andre Lundt verfasst und von mir überarbeitet.

Am Sonntag, den 26.10.2014 stand die Stadt Hebron auf dem Besuchsprogramm. Auf die Situation, die wir bei unserer Ankunft dort antrafen, waren wir trotz der Informationen, die uns im Vorfeld vermittelt worden waren, nicht vorbereitet: Die palästinensische Bevölkerung der Altstadt leidet seit der israelischen Besetzung und insbesondere seit der Zoneneinteilung im Zentrum unter täglichen Übergriffen der militanten jüdischen Siedler. Darüber hinaus ist ihre Bewegungsfreiheit und ihr Geschäftsleben durch Absperrungen und Militärkontrollen massiv eingeschränkt.
Wie weit die Aggressionen der jüdischen Minorität gegenüber der palästinensische Bevölkerungsmehrheit mittlerweile angewachsen sind, zeigt sich unter anderem daran, dass seit einiger Zeit internationale Freiwillige die Aufgabe übernommen haben, palästinensische Kinder auf dem Schulweg zu begleiten, denn nur so können diese gegen die Gewalt jüdischer Siedler wirksam geschützt werden. Schon allein in dieser gestörten und belastenden Atmosphäre auszuharren bedeutet für die palästinensische Bevölkerung eine Form des gewaltfreien Widerstandes.

Geschichte von Hebron

Hebron liegt im Süden des von Israel besetzten Westjordanlandes und ist mit seiner über 5000-jährigen Geschichte neben Jericho eine der ältesten Siedlungen im Nahen Osten.
Schon früh im 20. Jahrhundert begannen in der Stadt gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der ersten Generation jüdischer Siedler und den alteingesessenen arabischen Einwohnern. Die fortdauernden wechselseitigen Übergriffe spitzten sich zu, nachdem jüdische Siedler im über 30 km entfernt gelegenen Jerusalem das Gebiet um die Klagemauer am Tempelberg für sich beanspruchten und damit die Palästinenser provozierten. 1929 kam es in Reaktion darauf zu Ausschreitungen sowohl in Jerusalem selbst wie auch in Hebron, wo sich nur wenig später ein Massaker ereignete, dem 67 Juden zum Opfer fielen. Zur Vermeidung weiterer Unruhen veranlasste die militärische Führung der Zionisten daraufhin die Abwanderung der jüdischen Bevölkerung aus Hebron.

Nach dem 6-Tage-Krieg von 1967 nutzte die israelische Militärverwaltung die Besetzung der Stadt zu einer Demütigung der muslimischen Bevölkerungsmehrheit: Sie schlossen den heiligen Ort der Moschee für eine „Renovierung“ und wandelten nach vollzogenen Umbauten ein Drittel der Glaubensstatt zu einer Synagoge um (siehe weiter unten). 13 Jahre später, im Mai 1980 nahmen palästinensische Extremisten für den Akt der Entweihung blutige Rache und reagierten damit zugleich auf die zunehmenden Vertreibungsmaßnahmen durch jüdische Neusiedler in Westjordanland (Westbank). Ihrem Massaker fielen dabei sechs jüdische Bewohner zum Opfer, Verletzte nicht eingerechnet. Die einmal begonnene Gewalt- und Vergeltungsspirale erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt, als Baruch Goldstein 1994 schwer bewaffnet in die Abraham – Moschee der Hebroner Altstadt eindrang und dort in einem Amoklauf 29 Muslime während der Andacht erschoss und über hundert weitere Gläubige schwer verletzte. Heute wird Baruch Goldstein von den jüdischen Siedlern in Hebron als Held und Märtyrer verehrt. Sie setzten ihm in der Siedlung Kiryat Arba ein Denkmal.

Dieses Attentat sowie der Beginn der ersten Intifada und die Abriegelung der palästinensischen Grenze durch die Israelis verwandelten das einstige Handelszentrum zunehmend in eine permanente Konfliktzone. Um die verheerenden Anschläge auf beiden Seiten zu beenden, schlossen die palästinensische und die israelische Führung 1997 das sogenannte Hebroner Abkommen. Darin wurde die Teilung der Stadt in die Zonen H1 (palästinensisches Wohngebiet) und H2 (militärisch gesicherte Zone mit jüdischen Siedlungen) beschlossen.

Altstadt

Unser Besuch in der Stadt, die wie unter Kriegsrecht stehend erscheint, wird von einem Mitarbeiter des Hebron Rehabilitation Committee (HRC) betreut, der uns bei einem Rundgang durch das Altstadtzentrum über die Lebensumstände unter der Militärbesatzung aufklärt. Um einen ersten Überblick zu bekommen, besteigen wir eine Dachterrasse über dem Basar der Altstadt. Von dort aus sehen wir verschiedene jüdische Siedlungen und Wachttürme auf den umliegenden Hügeln.

Der Überwachungsstaat, vor dem wir uns eher abstrakt fürchten, ist hier schon Realität. Mit Kameras wird jede Bewegung erfasst – 24 Stunden täglich. Insgesamt sollen etwa 5000 Kameras auf den Mauern und Wachtürmen um das besetzte Gebiet installiert sein.

In der Zone H1 leben 115.000 Palästinenser unter der Kontrolle der Autonomiebehörde, während sich in der Zone H2 35.000 Palästinenser und 500 jüdische Siedler den Lebensraum unter israelischer Verwaltungskontrolle und ständiger Militäraufsicht teilen. Zu dieser zentralen Zone gehören die Altstadt mit ihren ehemaligen Märkten und Ladenstraßen sowie die Abraham-Moschee. Die wachsende Zahl jüdischer Siedler, die in der Altstadt lebt, wird aktiv von 1500 bewaffneten israelischen Soldaten geschützt.

Bis heute versuchen die streng orthodoxen jüdischen Siedler immer neue Häuser der Palästinenser zu übernehmen und gehen dabei teilweise mit rabiaten Methoden vor. So wird beispielsweise nur ein Teil eines Hauses „aus Sicherheitsgründen“ geräumt, danach dann von Soldaten oder Siedlern auf Dauer bezogen, in der Regel das oberste Stockwerk. So wird Stein um Stein und Haus um Haus gekämpft.
Obwohl die neu zugezogenen Siedler in enteigneten Häusern und auf „fremdem“ Grund leben, verhalten sie sich palästinensischen Nachbarn gegenüber häufig respektlos und übergriffig. Ein Zeugnis davon gibt der wiederholt aus israelischen Häusern geworfenen Müll, mit dem die Siedler auf „feindliche“ Passanten in den Altstadtgassen zielen.

Der belastenden Situation zum Trotz wurde die Altstadt in einem aufwändigen Programm restauriert, um das Wohnen dort trotz des Besatzungsstatus attraktiv zu machen und um den Anspruch der Palästinenser auf Hebron und die Abraham Moschee zu bekräftigten. Vor allem seit 2002 kam es im Zusammenhang mit den Intifada-Unruhen zu einer starken Fluchtbewegung aus der Altstadt – eine Folge der täglichen Gewalterfahrung, aber auch der massiven Einschränkungen im Geschäfts- und Alltagsleben.

Teilung der Abraham Moschee

Kaum ein anderes Ereignis charakterisiert den Riss zwischen jüdischen und palästinensischen Stadtbewohnern so sehr wie die die Teilung der Moschee im Jahr 1967 und die daran anschließenden Konflikte.

Nach Beendigung des 6-Tage-Krieges und der Einnahme von Hebron schlossen die israelischen Besatzer die Abraham Moschee, die als Zentrum des religiösen und sozialen Lebens diente. Als das Gebäude „nach Renovierungsarbeiten“ ein halbes Jahr später wieder freigegeben wurde, fanden die muslimischen Moscheebesucher ihre Glaubensstatt völlig verändert vor. Fast die Hälfte des Baus war durch Wände abgetrennt und zu einer jüdischen Synagoge umgewidmet worden.

Mit welchem Hass sich Muslime und Juden gegenüberstanden, belegt auch ein Vorkommnis aus den letzten Jahren: Jüdische Fanatiker gossen ein aggressives Säuregemisch durch den Türspalt der Trennwand zwischen Moschee und Synagoge (siehe Bilder), um auf diese Weise die wertvollen Gebetsteppiche der Muslime zu verätzen. Heute ist der Boden an dieser Stelle mit Kunststoffteppichen abgedeckt, um ähnlichen Beschädigungen zuvorzukommen.

 

 Geisterstadt mit zahlreichen Kontrollstellen

Eine unmittelbare Folge der Errichtung der israelischen „Sicherheitszone“ im Herzen Hebrons war die Sperrung oder Einschnürung aller zentralen Verkehrswege, auf denen die Einheimischen den Markt, ihre Läden, Wohnungen und Arbeitsplätze erreichten. Heute sind diese Stadtarterien weitgehend verwaist, für Palästinenser gesperrt oder nur bedingt passierbar. Schulkinder und Händler müssen weite Umwege in Kauf nehmen und sich immer wieder willkürlichen Kontrollen unterziehen.

Selbst der Gang in die Moschee wird peinlich überwacht. Nicht alle Palästinenser halten dem Besatzungsdruck stand und verlassen zermürbt die Stadt: Allein bis zum Jahr 2007 ging die Zahl der Alteinwohner um 40 % zurück.

Zugleich mit der Einrichtung der H2-Zone traten zudem zwei unterschiedliche gesetzliche Grundlagen in Kraft: Israelische Militärjustiz, die auf Palästinenser angewendet wird, und israelische Ziviljustiz, die für die jüdischen Siedler gilt. Dadurch unterliegen die Palästinenser in allen Belangen den Weisungen und Befehlen der israelischen Soldaten, während die Siedler lediglich der israelischen Polizei als Ordnungsinstanz folgen müssen. Das hat zur Folge, dass die vielen Soldaten zwar die jüdischen Siedler, nicht aber die Palästinenser vor Übergriffen schützen. Diese sind den Angriffen jüdischer Siedler damit hilflos ausgeliefert. Auch für viele israelische Soldaten ist diese Situation belastend. Um das Unrecht, das hier täglich passiert, zu dokumentieren und darüber zu informieren, haben einige von ihnen die Organisation „Breaking the silence“ gegründet. Diese Organisation führt unter anderem Stadtführungen in Hebron für Israelis durch. In diesem Videobeitrag von „Breaking the silence“ wird ein sehr guter Eindruck über die Situation in Hebron vermittelt.


 Internet-links

Videobeitrag (2/2) von Arte über Hebron, speziell über das Wiederansiedlungs-Projekt, um die palästinensische Bevölkerung zur Rückkehr in die Altstadt zu bewegen, sowie über die von israelischen Soldaten gegründete Initiative „Breaking silence“. Der TV-Beitrag ist aus dem Jahr 2011, die Situation im Jahr 2014 scheint sich dagegen etwas verbessert zu haben. Es war sehr bedrückend zu sehen, wie gewalttätig um jeden Quadratmeter gekämpft wird. Auch hier leiten die jüdischen Siedler ihre Existenzberechnung aus Ereignissen ab, die 2000 Jahre zurück liegen.

Informationen des Hebron Rehabilitation Centers mit Index zu verschiedenen Sachbereichen

Bericht von der NGO B’tselem: GHOST TOWN-Israel’s separation Policy and forced Eviction of Palestinians from the Center of Hebron

Bericht zu Hebron aus der Zeitschrift „Weltsichten“

Bericht über Hebron aus jüdischer Sicht aus Halali (Jüdisches Leben online)

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